Lesen dient nicht nur der Informationsaufnahme, sondern es ist Training für das Gehirn. Es kann die Aufmerksamkeit, das Gedächtnis und sogar die Wahrnehmung nachhaltig positiv beeinflussen und so zur geistigen Gesundheit beitragen. Kognitionsforscher zählen regelmäßiges Lesen zu den wirksamsten Trainingsprogrammen für das Gehirn.
Inhaltsverzeichnis
Auswirkungen des Lesens auf das Gehirn
Lesen wirkt sich auf mehrere Bereiche des Gehirns aus. Es aktiviert die für die Informationsverarbeitung zuständigen Bereiche der Großhirnrinde, das Sprachzentrum und das visuell-räumliche System. Lesen gehört zu den anspruchsvollsten geistigen Aufgaben, da es eine koordinierte Aktivität verschiedener Gehirnbereiche erfordert.
Wie eine Studie von Huettigs Team mit indischen Erwachsenen zeigte, verstärkt bereits das Lesenlernen die Verbindung zwischen der Sehrinde und tiefer liegenden Hirnstrukturen wie dem Thalamus. Der Kognitionsforscher Falk Huettig vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen, aber auch andere Forscher haben erkannt, dass Buchsstaben und Wörter beim Lesen nicht nur verarbeitet, sondern die Informationen auch mit bereits vorhandenem Wissen verknüpft und gespeichert werden. Verschiedene Neuronen im Cortex und anderen Gehirnbereichen müssen dafür zusammenarbeiten.
Aufgrund der Plastizität des Gehirns können sich beim regelmäßigen Lesen zwischen den Nervenzellen Verbindungen bilden.
Sie führen zu dauerhaften strukturellen Anpassungen. Die Gehirne von Menschen, die lesen können, unterscheiden sich messbar von denen von Menschen, die nie lesen gelernt haben.

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Lesen als lebenslanges Training
Bereits beim eigentlichen Leseprozess zeigen sich die tiefgreifenden Veränderungen im Gehirn. Menschen, die regelmäßig lesen, automatisieren mit der Zeit zahlreiche Teilprozesse. Sie erkennen Buchstaben schneller, verarbeiten Wörter problemloser und entschlüsseln Satzstrukturen effizienter.
Die dadurch freigesetzten geistigen Ressourcen können für anspruchsvollere Aufgaben genutzt werden, beispielsweise, um Schlussfolgerungen zu ziehen, Texte kritisch zu hinterfragen oder komplexe Zusammenhänge zu verstehen.
In seinem 2026 erschienenen Buch „The Perks of Being a Bookworm“ schreibt Falk Huettig, dass Lesekompetenz ein fortlaufender Entwicklungsprozess ist. Menschen, die regelmäßig lesen, verfeinern über viele Jahre hinweg diese Fähigkeiten.
Es kommt jedoch darauf an, was gelesen wird. Die Entwicklung wird durch anspruchsvolle Texte mit komplexen Satzstrukturen und ungewöhnlichem Wortschatz stärker gefördert als durch vereinfachte Texte.
Langfristig können vereinfachte Texte einen gegenteiligen Effekt haben.
Menschen, die seltener mit komplexen Satzstrukturen oder einem anspruchsvollen Wortschatz in Berührung kommen, haben weniger Gelegenheit, die Fähigkeiten zur Erfassung komplexer Zusammenhänge und zum kritischen Hinterfragen von Texten weiterzuentwickeln.
Sprachliche Vielfalt kann laut Huettig auch verloren gehen, wenn man sich zu stark auf menschliche oder KI-gestützte Lesbarkeitsbewertungen oder automatische Formulierungshilfen verlässt.

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Vorteile beim regelmäßigen Lesen
Lesen fördert zudem die Konzentrationsfähigkeit, erweitert den Wortschatz, verlängert die Aufmerksamkeitsspanne und kann die emotionale Intelligenz steigern. In Tests zeigen Menschen, die viel lesen, nachweislich bessere Leistungen bei der kognitiven Flexibilität und bei der Problemlösung.
Das sprachliche Repertoire wird durch Bücher erweitert, was zu einer verbesserten Fähigkeit zur verbalen Kommunikation führt.
Vielleser haben einen größeren Wortschatz als Menschen, die kaum lesen. Lesen kann die beruflichen Chancen verbessern und zu einem umfangreicheren Allgemeinwissen führen.
Das Arbeitsgedächtnis und die Fähigkeit zur Informationsverarbeitung werden durch Lesen gestärkt. Beim regelmäßigen Lesen können Informationen besser gespeichert, verknüpft und abgerufen werden.
Gesichter besser erkennen
Neurowissenschaftler gingen über lange Zeit davon aus, dass das Lesenlernen anderen visuellen Netzwerken, etwa der Gesichtserkennung, Platz abringt. Für das Lesen existiert keine eigens entwickelte Hirnregion. Das Gehirn muss dafür bestehende Netzwerke nutzen, zu denen auch solche gehören, die an der Gesichtserkennung beteiligt sind.
Die Arbeitsgruppe von Falk Huettig stellte bei Studien in Indien mit alphabetisierten und nicht alphabetisierten Erwachsenen fest, dass diejenigen, die lesen können, Gesichter besser unterscheiden können als Analphabeten. Lesen verdrängt bestehende visuelle Netzwerke nicht. Es scheint die Netzwerke feiner aufeinander abzustimmen und die Leistungsfähigkeit zu verbessern.

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Auswirkungen auf die emotionale Intelligenz
Die emotionale Intelligenz wird insbesondere durch das Lesen von Belletristik und die damit verbundene Auseinandersetzung mit komplexen Emotionen und Charakteren gefördert. Die Gehirnregionen, die für soziales Verständnis und Empathie zuständig sind, werden beim Lesen von Geschichten aktiviert. Das trainiert die Fähigkeit zum Erkennen und Verstehen von Emotionen und zu angemessenen Reaktionen.
Studien zufolge schneiden Menschen, die regelmäßig Romane lesen, in Tests zum sozialen Verständnis, etwa zur Perspektivübernahme etwas besser ab, eine Metaanalyse fand allerdings nur einen kleinen Effekt.
Romane regen dazu an, sich in verschiedene Perspektiven hineinzuversetzen und komplexe emotionale Situationen nachzuvollziehen.
Lesen erweitert den emotionalen Wortschatz. Die eigenen Erfahrungen können besser verstanden und kommuniziert werden, wenn neue Wörter für Gefühle hinzukommen.
Schutz vor Demenz und kognitivem Abbau
Lesen wird in zahlreichen Beobachtungsstudien mit einem geringeren Risiko für kognitiven Abbau und Demenz im Alter in Verbindung gebracht. Menschen, die lebenslang viel lesen, haben Untersuchungen zufolge ein geringeres Demenzrisiko. Jahrelanges Lesen baut kognitive Reserven auf, die das Gehirn vermutlich vor altersbedingtem Abbau schützen.
Die kontinuierliche Stimulation verschiedener Gehirnbereiche hält das Gehirn aktiv. Diese kognitive Reserve durch neue neuronale Verbindungen kann die Schädigung anderer Gehirnbereiche durch neurodegenerative Erkrankungen kompensieren.
Wie Längsschnitt-Untersuchungen zeigten, sind die kognitiven Leistungen im höheren Alter bei Menschen besser, die in mittleren Jahren viel gelesen haben. Geistige Aktivität, zu der auch das Lesen zählt, gehört zu den Empfehlungen zur Demenzprävention – neben körperlicher und sozialer Aktivität sowie der Behandlung von Risikofaktoren wie Bluthochdruck.

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Digitales Lesen bringt weniger starke Effekte
Falk Huettig betrachtet die Debatte über digitales Lesen differenziert. Mehrere Metaanalysen zeigen, dass Texte auf dem Bildschirm zumeist etwas schlechter verstanden werden als in Papierform, vor allem bei Sachtexten und unter Zeitdruck. Displays sind jedoch nicht grundsätzlich ungeeignet.
Huettig begründet den Vorteil von Büchern in Papierform mit einem psychologischen Effekt, der Selbstregulation.
Gedruckte Bücher werden von vielen Menschen automatisch mit konzentriertem Lesen verbunden. Bildschirme verleiten hingegen eher zum schnellen Überfliegen der Inhalte. Die Aufmerksamkeit ist dabei geringer.
Geringer Trainingseffekt durch Hörbücher
Auch Hörbücher bieten laut Huettig nicht den vollen Nutzen des Lesens. Das Gehirn verarbeitet die geschriebene Sprache beim Lesen aktiv. Dieser Schritt entfällt beim Zuhören.
Hörbücher können jedoch zur Sprachentwicklung beitragen, da sie komplexe Grammatik, seltene Wörter und anspruchsvolle Erzählstrukturen vermitteln können.








