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Trinkgeld in Deutschland: Gut zu wissen

Trinkgeld in DeutschlandTrinkgeld in Deutschland: Gut zu wissen - Foto: © New Africa #553080500 - stock.adobe.com

In Restaurants wird immer häufiger bargeldlos bezahlt. Gäste nehmen mitunter gar kein Bargeld mit und können demzufolge auch kein Trinkgeld geben. Bei der Zahlung mit Bargeld runden viele Gäste die Summe auf, um dem Kellner ein Trinkgeld zu zahlen. Trinkgeld wird auch bei Dienstleistungen wie Friseur, Kosmetik oder Taxifahrten gegeben. Mitunter wird sogar um Trinkgeld gebeten. Auf Bezahlgeräten sind teilweise Beträge voreingestellt, die deutlich höher als die üblichen zehn Prozent sind.

Trinkgeld teilweise bis zu 25 Prozent

Bei den Bezahlgeräten können unterschiedliche Beträge an Trinkgeld voreingestellt sein. Nicht immer erkennen Gäste einer Luxuskonditorei am Kurfürstendamm in Berlin sofort, dass sie kein Trinkgeld geben müssen und dass neben Beträgen von 7, 10 oder 20 Prozent auch die freie Eingabe und die Eingabe „Kein Trinkgeld“ möglich sind.

An einem Hamburger-Stand in der Nähe der Konditorei sind auf dem Bezahlgerät Beträge von 0, 10, 15, 20 und sogar 25 Prozent für Trinkgeld voreingestellt.

Der Trinkgeldbetrag kann mitunter inflationär sein. Die Trinkgeldinflation, abgeleitet vom englischen Wort Tip für Trinkgeld auch Tipflation genannt, hat ihren Ursprung in den USA. Sie wird inzwischen auch von einigen Händlern in Deutschland ausgenutzt.

Grundsätzlich gelten in Deutschland beim Trinkgeld die folgenden Regeln:

  • Ein vertraglicher Anspruch auf Trinkgeld besteht nicht.
  • Trinkgeld muss immer vom Gast kommen.
  • Der Gast ist nicht zur Zahlung von Trinkgeld verpflichtet und darf auch nicht indirekt dazu gedrängt werden.
Trinkgeld teilweise bis zu 25 Prozent
Trinkgeld teilweise bis zu 25 Prozent – Foto: © Edler von Rabenstein #53068634 – stock.adobe.com

Unterschiede beim Trinkgeld in Deutschland und in den USA

Auch wenn die Tipflation aus den USA bereits nach Deutschland übergeschwappt ist, bestehen Unterschiede beim Trinkgeld in beiden Ländern. In Deutschland gibt es keine feste Trinkgeldregel. Üblich sind in Restaurants 5–10 % des Rechnungsbetrags, wobei kleinere Beträge häufig einfach aufgerundet werden. Die Höhe hängt vom Service und der Zufriedenheit ab. Im Taxi oder beim Friseur wird meist aufgerundet oder etwa 5–10 % gegeben.

Branchenunterschiede und Richtwerte
Trinkgeld nach Branche: Je nach Service unterscheiden sich die üblichen Beträge für das Trinkgeld in Deutschland:

  • Restaurants: 5–10 % der Rechnung oder Aufrunden
  • Taxi: meist Aufrunden oder ca. 10 %
  • Hotelzimmer: 1–3 € pro Tag für Zimmerpersonal
  • Gepäckträger / Portier: 1–2 € pro Gepäckstück

Das hohe Trinkgeld von 15 bis 20 Prozent in den USA ist in den prekären Beschäftigungsverhältnissen begründet. Die Angestellten beziehen oft kein eigenes Einkommen und sind auf die Trinkgeldzahlungen angewiesen. Auch die Corona-Pandemie ist ein Grund für die hohen Trinkgelder. Nach der Pandemie und den damit verbundenen Beschränkungen waren viele Amerikaner bereit, die gastronomischen Einrichtungen mit hohem Trinkgeld zu unterstützen.

In Deutschland ist bei Kartenzahlungen eine zunehmende Tendenz zu höheren Trinkgeldern zu beobachten, teilweise beeinflusst durch voreingestellte digitale Betragsoptionen. Wissenschaftlich gesicherte Daten zur sogenannten ‚Tipflation‘ gibt es bislang jedoch kaum. Trinkgeld-Becher, wie sie in einigen Restaurants, aber auch in Friseursalons an der Kasse stehen, lassen sich leicht ignorieren. Die bargeldlose Zahlung und die digitalen Bezahlsysteme drängen diese Trinkgeldbecher immer weiter in den Hintergrund.

Unterschiede beim Trinkgeld in Deutschland und in den USA
Auch wenn die Tipflation aus den USA bereits nach Deutschland übergeschwappt ist, bestehen Unterschiede beim Trinkgeld in beiden Ländern – Foto: © JJ Gouin #577145760 – stock.adobe.com

Veränderte Trinkgeldkultur in Deutschland

Die Trinkgeldkultur in Deutschland hat sich stark verändert. Früher wurde häufig durch Aufrunden ein Trinkgeld gezahlt. Auch wenn Trinkgeld eine freiwillige Leistung des Kunden ist, wird mitunter sogar in Selbstbedienungsgeschäften ein Trinkgeld verlangt.

Viele Kunden fühlen sich dadurch bereits gezwungen, einen höheren Betrag als die üblichen zehn Prozent zu geben.

Dieses Verhalten wird von Wirtschaftswissenschaftlern als Nudging bezeichnet. Nudging ist der englische Begriff für Anstupsen. Der Verhaltensökonom Christian Traxler von der Hertie School in Berlin spricht davon, dass das Verhalten der Kunden gelenkt und sogar manipuliert wird.

Steuerrechtliche Einordnung zum Trinkgeld in Deutschland

Steuerliche Behandlung von Trinkgeld: Trinkgelder, die in Deutschland freiwillig von Gästen gegeben werden, sind für Arbeitnehmer steuer- und sozialabgabenfrei. Sie gelten nicht als Teil des regulären Arbeitsentgelts (§ 3 Nr. 51 EStG). Für Unternehmer selbst, etwa Restaurantinhaber, gelten diese Regeln nicht – sie müssen Trinkgelder als Einnahmen versteuern, wenn sie vom Personal einbehalten werden.

Arbeitsrechtliche Aspekte / Rechte der Arbeitnehmer

Trinkgeld und Arbeitsrecht: Das Trinkgeld gehört grundsätzlich dem Personal, nicht dem Arbeitgeber. Viele Betriebe organisieren eine Verteilung über einen Trinkgeldpool, besonders wenn mehrere Mitarbeiter beteiligt sind. Arbeitgeber dürfen Trinkgeld in Deutschland nur dann behalten, wenn dies ausdrücklich vereinbart ist.

Kritik an der Trinkgeldpolitik

Christian Traxler kritisiert, dass nicht nur kommuniziert wird, dass ein Trinkgeld gegeben werden sollte, sondern auch, welcher Rahmen als angemessen gilt. Die programmierten Werte in den EC-Kartengeräten sind oft sehr hoch und sogar unverschämt hoch. Die einzelnen Trinkgelder fallen dadurch tendenziell höher aus. Allerdings sind immer weniger Menschen bereit, tatsächlich ein Trinkgeld zu geben. Die Kunden sollen durch diese Maßnahme nicht verprellt, sondern angestupst werden.

Verbraucherschützer äußern sich ebenfalls kritisch zum Trinkgeld-Button auf den Bezahlgeräten. Der Referatsleiter Finanzdienstleistungen der Verbraucherzentrale Thüringen, Andreas Behn, kritisiert, dass die Trinkgeldvarianten deutlich hervorgehoben werden und beispielsweise farblich unterlegt sind. Der Kunde findet dadurch die Option „kein Trinkgeld“ oft nicht. Der Kunde wird dadurch manipuliert. Er zahlt einen höheren Trinkgeldbetrag als bei der Barzahlung.

Trinkgeld Button auf den Bezahlgeräten
Die programmierten Werte in den EC-Kartengeräten sind oft sehr hoch und sogar unverschämt hoch – Foto: © Robert Kneschke #364443456 – stock.adobe.com

Weniger Trinkgeld bei Kartenzahlung laut Studien

Sascha Hoffmann, Wirtschaftswissenschaftler an der Hochschule Fresenius in Hamburg, hat zum Trinkgeld geforscht. Verglichen mit vielen anderen Ländern ist Deutschland ein Bargeldland. Auch in Deutschland nehmen Kartenzahlungen und digitale Zahlungen mit dem Smartphone ständig zu. Sascha Hoffmann sagt, dass es für Gastronomen und Servicekräfte hilfreich ist, die Gäste beim Bezahlen mit dem Kartenlesegerät an das Trinkgeld zu erinnern.

Untersuchungen zeigen ein unterschiedliches Trinkgeldverhalten bei Kartenzahlung: Manche Kunden geben weniger, andere eher mehr, da die Option direkt am Terminal angezeigt wird. Die Tendenz ist jedoch bei Kartenzahlung weniger Trinkgeld zu gegeben. Laut Sascha Hoffmann wirkt sich das unmittelbar auf die Verdienstmöglichkeiten der Mitarbeiter in der Gastronomie und in anderen Dienstleistungsberufen aus. Dort sind die Stundensätze eher niedrig. Für die Angestellten ist Trinkgeld eine zusätzliche Einnahmequelle, auf die sie angewiesen sind. Der Arbeitskräftemangel in der Gastronomie und in anderen Serviceberufen könnte weiter verschärft werden, wenn das Trinkgeld wegfällt.

Kunden ärgern sich, wenn sie zu viel Trinkgeld geben

Für viele Restaurantbesucher bedeutet es Stress, im Beisein der Servicekraft auszurechnen, was sie als Trinkgeld geben sollten. Die Kunden möchten nicht als geizig gelten und zahlen eher ein höheres Trinkgeld.

Kartenzahlgeräte werden inzwischen auch in Branchen genutzt, in denen sie bislang unüblich waren. Sascha Hoffmann betont, dass das problematisch sein kann. Durch die Vorgabe bestimmter Trinkgeldbeträge werden Kunden dazu verleitet, mehr zu zahlen, doch wollen sie das gar nicht. Sie ärgern sich später, dass sie zu viel Trinkgeld gezahlt haben.

Verbraucherschützer Andreas Behn rät den Kunden, dass sie sich nicht durch das System unter Druck setzen lassen sollen.

In Situationen, in denen Kunden bei Barzahlung kein Trinkgeld geben würden, sollten sie die Bedienung fragen, wie sie das Trinkgeld abwählen können.

Durch die Software merken die Kunden teilweise gar nicht, dass sie Trinkgeld zahlen. Bei der Barzahlung ist Trinkgeld eine aktive Entscheidung der Kunden. Um bei der digitalen Zahlung kein Trinkgeld zu geben, müssen Kunden erst den Button suchen, mit dem sie das Trinkgeld abwählen können. Das nimmt Zeit in Anspruch.

Tendenz zur Mitte

Eine erhöhte Trinkgeldzahlung kann durch die Tendenz zur Mitte ausgelöst werden, wenn auf Kartenlesegeräten nicht Trinkgelder von 5, 10 oder 15 Prozent, sondern von 10, 15 oder 20 Prozent vorgeschlagen werden. Die Kunden entscheiden sich häufig für den mittleren Betrag von 15 Prozent.

Wird absichtlich ein unverhältnismäßig hoher Betrag für das Trinkgeld angesetzt, erscheinen die anderen ebenfalls hohen Vorschläge plötzlich angemessen. Dieser Effekt wird durch farblich unterlegte Felder auf dem Touchscreen des Bezahlgeräts ausgelöst.

Kunden, die mit Karte zahlen, sollten darauf achten, wo inzwischen Trinkgelder verlangt werden. Jeder sollte nur soviel Trinkgeld zahlen, wie er für angemessen hält. Ein höheres Trinkgeld können Kunden zahlen, wenn sie außerordentlich zufrieden waren.